masal oku
it-ITfr-FRde-DEen-USes-ES

101 Kanonenschläge bei Tagesanbruch

Die Feierlichkeiten zu Ehren der Schutzpatronin von Enna erreichen ihren Höhepunkt am 2. Juli, mit Riten und Gebräuchen, die im Laufe der Zeit unverändert geblieben sind

Die Riten und Bräuche der von der Bevölkerung mit Begeisterung ausgetragenen Feierlichkeiten zu Ehren der Mariä Heimsuchung wiederholen sich jedes Jahr auf dieselbe Weise, verleihen diesem Marienfeiertag eine fast mystische Aura und beginnen am 2. Juni mit dem „U priu“, dem Glockengeläut, das Freude und Fest bedeutet. Vom 2. Juni bis zum 2. Juli läuten um 6.30 Uhr die Glocken des Doms zur Messe. Die Gottesdienste und Dreitagefeiern sind einen Monat lang der Madonna gewidmet. Es ist Tradition, dass sich die Gläubigen zum Ausdruck ihrer Buße barfuß von zu Hause zum Duomo begeben und dort mit antiken Litaneien und Bittgebeten, die mündlich von Generation zu Generation überliefert werden, die marianische Andacht üben.

Der wichtigste Festtag, der 2. Juli, beginnt bei Tagesanbruch mit dem Läuten der Glocken und einer Messe. Um 7 Uhr werden von der höchstgelegenen Kirche Ennas 101 Kanonenschläge abgefeuert, um die Patronin der Stadt Enna zu begrüßen.101, so viele, wie es in Castrogiovanni Kirchen gab. Darauf spielt die Stadtkapelle festliche Marschmusik und während sie mit schallenden Tönen durch die Straßen der Stadt zieht, versetzt sie die Stadt in Feierstimmung. Viele Gläubige und die „Nudi“ aus allen Teilen der Stadt sind schon seit 6 Uhr barfuß auf dem Weg zum Duomo, um der Maria Santissima della Visitazione ihre Ehrerbietung zu erweisen und der Heiligen Messe beizuwohnen. Den ganzen Vormittag lang werden Messen abgehalten. Nach der letzten Messe wird die große Prozessionstrage mit dem Prozessionsaufbau vorbereitet. Am frühen Nachmittag schließen sich die Tore des Doms, damit einige Beamte der Finanzwache die Möglichkeit haben, das Simulakrum der Madonna sicher mit den Preziosen des Domschatzes zu „bekleiden“. Das ist der so genannte Ritus der „vestizione“: Die Statue wird nach und nach vollständig mit roten Stoffbahnen bekleidet, den „fasciuna“, auf die der Goldschmuck genäht ist, Votivgaben, die die Gläubigen Maria im Laufe der Jahrhunderte dargebracht haben. Zum Schluss wird eine goldene Krone auf das Haupt der Statue gesetzt, ein kostbares Schmuckstück von enormem Wert, 1652 von einem palermitanischen Goldschmied zessiliert. Sie ist komplett mit Gemmen und Edelsteinen, wie Smaragden, Rubinen, Granaten und unzähligen Diamanten besetzt und bringt das künstlerische Können des sizilianischen Kunsthandwerks der Epoche zum Ausdruck.

„Fercolo“, auf Dialekt „vara“, ist eine Art Triumphwagen, auf dem die Schutzheiligen in Prozession getragen werden. Das fercolo der Madonna hat in Enna den Namen „das Goldene Schiff“, da die Holzstruktur komplett mit feinem Dukatengold laminiert ist. Der Bildhauer Scipione di Guido hat es 1590 geschnitzt und mit strahlenden, polychromen Farben bemalt. Im Laufe der Zeit ist es schon mehrfach restauriert worden.

Während die „vestizione della Madonna“ im Dom unter Ausschluss der Öffentlichkeit vorgenommen wird, ist an der Bekleidung der Ordensbrüder und der Träger, der so genannten „ignudi“, die ganze Familie mitbeteiligt. Ihre Ordenstracht besteht aus einer weißen Tunika, die an der Taille mit einem Strick gebunden wird. Darüber tragen sie ein weißes Chorhemd, die „cammisa“, dessen Saum reich mit Stickereiborden verziert ist und ein kurzes hellblaues Schultermäntelchen.

Die Ordensbrüder der Maria SS. della Vistitazione befestigen am Goldenen Schiff die so genannten „bajardi“, die langen, schweren Tragestangen. Diese Tragestangen, aus dem Jahr 1891 sind aus Holz, das im Innern mit Eisenstangen verstärkt und komplett mit Leder verkleidet ist. An den Außenseiten ist die Zahlenfolge von 1-124 eingebrannt. Diese Zahlen entsprechen der Anzahl der Ordensbrüder und zeigen den genauen Platz an, den sie mit ihrer Schulter einnehmen, um das schwere fercolo zu tragen. Dieser Platz wird vom Vater auf den Sohn, von Generation zu Generation weitervererbt, was nicht erlaubt, die Träger nach ihrer Körpergröße anzuordnen. Die Plätze, die die meiste Kraft vom Träger erfordern, befinden sich direkt unter dem Aufbau des „Goldenen Schiffs“, insgesamt 12 Plätze.

Um 17.00 Uhr öffnen sich die Tore des Doms von neuem, so dass Gläubige und Touristen die Möglichkeit haben, dem Triumphwagen der Madonna in seiner ganzen Pracht zu huldigen. Bevor er aus dem Hauptschiff des Doms getragen wird, richten die „Nudi“ um 19.00 Uhr auf Knien an die Madonna ein kurzes Gebet und unter Akklamationen und Anrufungen im Dialekt rufen sie zum Abschluss „ Viva Mari “. Beim Schwenken der weißen Tücher, die die Träger in der Hand halten, um die rauen Seile, die an den „bajardi“ befestigt sind, zu umwickeln, aber auch, um sich den Schweiß zu trocknen, den sie während der Prozession reichlich vergießen, setzt sich der Prozessionszug in Bewegung. Die Emotion ist groß, wenn das fercolo den Dom verlässt, wo eine dichte Menschenmenge darauf wartet, die Madonna zu grüßen. Der Prozessionszug wird angeführt von Männern, die akrobatisch die grandiosen Standarten der Bruderschaften schwenken. Es folgt eine Gruppe Frauen, die zum Zeichen der Buße barfuß mitlaufen, dann Mädchen in ihren Kommunionkleidern. Ihnen folgen die Vertreter der Bruderschaften, gekleidet in die antike spanische Ordenstracht, mit Schultermäntelchen in verschiedenen Farben und hochgeklappten Kapuzen, auf sie folgen die Träger mit den Simulakren des Erzengels Michael und San Giuseppe. Nun ist die Reihe im Zug am Goldenen Schiff, ihm folgen die Amtsträger der Stadt und die Musikkapelle. Besonders beeindruckend ist es für den Zuschauer, wenn sich der Prozessionszug „u passu da madonna“ durch enge, steile oder gewundene Strassen schlängelt, wie z.B. in Via Mercato. Hier in der „calata da abbatiedda“ müssen die Träger das Goldene Schiff von den Schultern absetzen und es von Hand mit Hilfe von Seilen knapp über dem Erdboden entlang tragen. Diese steile Gasse ist überdies mit glatten Vulkansteinen gepflastert, auf denen die barfüßigen Nudi leicht ins Rutschen geraten können. Das schiefe Einherschreiten auf Grund ihrer unterschiedlichen Statur flößt dem Zuschauer tiefe Ergriffenheit ein. So auch beim letzten Teil der Prozession, dem leichten Anstieg zur Chiesa di Montesalvo, den die schon müden Träger im Lauf zurücklegen. Ihre Gesichter sind verschwitzt, die Augen vor Anstrengung gerötet, einer hinter dem anderen unter dem großen Gewicht des Goldenen Schiffs schwankend, erschöpft, atemlos und mit schweißdurchtränkten Ordenstrachten nehmen sie den Anstieg. In ihren Gesichtern kann man den körperlichen Schmerz lesen, wenn sie schwankend an der Kirche ankommen. In diesem Moment werden die Statuen der heiligen Elisabeth und des heiligen Zacharias im Laufschritt aus Montesalvo getragen, um die Madonna willkommen zu heißen. Genau das ist die „Visitazione“, die Heimsuchung, wovon der Name Mariens stammt, theatralisch in Szene gesetzt.

Während des ganzen Prozessionsverlaufs hält der Zug an mehreren Plätzen an, wo die so genannten „sarbiate“, die Böller abgefeuert werden. Die folkloristischen Veranstaltungen enden bei Sonnenuntergang mit dem unverwechselbaren „botta du masciu“, dem letzten Böller, donnernd und ohrenbetäubend.

Zwei Wochen bleibt die Madonna zu Besuch bei ihrer Kusine Elisabeth und ihrem Vetter Zacharias in der Chiesa di Montesalvo, am zweiten darauf folgenden Sonntag wird sie mit einer ähnlichen Prozession in den Duomo zurückgebracht. Dieser Rückweg wird Madonna „a muntata“ bezeichnet.

 

 

 

 

Comments

Ultime notizie

Archive

Seguici su YouTube

Seguici su Facebook

Seguici su Google+